Das diesseitige und das jenseitige Ufer durchdringen sich

(Paramita, Haramita)

Die wesentliche Form dient dazu, etwas auf subtile Weise „sichtbar“ werden zu lassen. Auf subtile Weise bringt sie unsere innere Verfassung zum Ausdruck und die Buddha-Natur aller Existenzen. Dieses „sichtbar werden lassen“ ist keine Entblößung des Inneren, sondern ein Ausdruck einer inneren Aktivität, die durch die wesentliche Form Klarheit und Würde erhält oder sie manifestiert.

Wenn wir das Wesentliche der Form berühren, z.B. beim Zazen, Kinhin oder Sampai oder bei der Art und Weise, ein Kesa anzulegen und damit zu sitzen, gibt es eine unmittelbare, tiefe Kommunikation mit der ganzen Umgebung.

Die Ausdrücke „ganze Umgebung“ oder „ganzes Universum“ bedeuten in diesem Zusammenhang eine Form, Energie oder Art und Weise des Seins und des Gewahrseins. Die Kommunikation mit dieser „ganzen Umgebung“ entsteht durch eine klare Form, die nach innen und außen wirkt und die fühlbar wird durch eine ganze und tiefe Präsenz darin.

Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, nur durch oberflächliche Worte zu kommunizieren. Kommunikation beschränkt sich oft darauf, nur Informationen auszutauschen ohne ein Gefühl für den Hintergrund der Ganzheit und ohne sich selbst wirklich zu öffnen oder etwas zu geben. Oft leben Menschen in ihren persönlichen Welten, abgeschottet von anderen und wirkliche Kommunikation kann eigentlich gar nicht stattfinden.

Doch wenn wir mit Hingabe zusammen praktizieren, spielen diese persönlichen Welten nicht eine so große Rolle, sondern die Teilnahme an der Welt der „Ganzheit“ oder des SO-SEINS kann in den Vordergrund treten.

Im Zen-Weg bedeutet Kommunikation gerade das Teilnehmen und Teilhaben an einer solchen Präsenz. Das leitende oder übermittelnde Element ist dabei die Einheit des Geistes mit Handlung und Augenblick.

Eigentliche Verbindung oder Verbundenheit entsteht aus dieser Teilnahme an der Präsenz der Ganzheit und darin kann jeder seinen Platz finden, ohne dass es irgendwo eng werden würde. Solche Art, seinen Platz zu finden, ist eine Art von „bestätigt werden durch alle Existenzen“ oder angenommen zu werden durch die Welt der Ganzheit.

Wenn man z. B. während des Zazen den Geist oder die Aufmerksamkeit nach innen wendet, kann man die Atemzüge so lassen wie sie von selbst kommen und gehen. Wenn man dann mit einer ruhigen Aufmerksamkeit der Bewegung der Atmung folgt, ist es so, als ob man in einen Zug einsteigt, der einen mitnimmt ins Zentrum des Augenblicks. Im Zentrum des Augenblicks öffnet sich die Dimension von „Großer Geist“.

Obwohl wir dabei diesen Ort hier nicht verlassen, ist es wie ein Erwachen in einer anderen Welt. Es ist die Dimension, in der alles „in diesem Geist“ enthalten ist: Mond, Sterne, Berge und Flüsse – diese Welt.

Shunryu Suzuki Roshi sagte: „Die Menschen, die unbedingt zum Mond fliegen wollen, wissen vielleicht noch nicht, dass der Mond bereits in ihrem Geist enthalten ist.“

Eigentlich könnten wir uns jedoch in jedem Augenblick dieser Dimension vergewissern – dass der Mond schon bei uns ist, und wenn wir ihn dann plötzlich am Nachthimmel wiedersehen, sind wir berührt, und gleichzeitig ist es so, wie einen alten, innig vertrauten Freund wieder zu begrüßen. Es mag auch sein, dass wir bei diesem „alten Freund“ immer neue Gesichter entdecken. Das heißt, dass das Erforschen der Dinge und das Annehmen der Ganzheit nicht unbedingt ein Widerspruch sind. Doch ohne den tieferen Hintergrund zu erfahren, neigt unser Geist dazu, sich in den Einzelheiten der Phänomene zu verlieren, verstrickt sich darin und schafft sich sein eigenes Leiden.

Doch durch die wesentliche Form oder Haltung können wir unbewusst natürlich unser eigentliches Selbst berühren. Am Anfang müssen wir etwas hineingeben in die Form oder Haltung - unsere Aufmerksamkeit und Hingabe. Doch dann füllt das Leben selbst diese Form oder Haltung aus – durch die Atmung. In der Atmung findet sich direkt die tiefe Aktivität des Lebens, des Universums, der Ganzheit. In der Atmung durchdringen sich unser Leben und das Leben der Ganzheit. Doch um spürbar zu werden, braucht sie/es die wesentliche Form. In diesem Sinne ist Form dann keine Begrenzung mehr, sondern eine Kraft, die etwas bewirkt oder auslöst. Wenn wir mit Form oder Haltung auf ernsthafte Weise umgehen, können wir mehr über das Leben und Dasein erfahren als wir je denken könnten. Jenseits der gewöhnlichen Vorstellung von Körper als Haut, Fleisch und Vergänglichkeit, können wir durch diesen Körper erwachen zur großen Dimension des Geistes.

Das ist ganze Präsenz, da ist ganze Präsenz. Wir brauchen diese Dimension nicht zu suchen, sie kann jetzt direkt hier begrüßt werden, eigentlich wo immer wir sind, doch wir sollten etwas tun – den Platz für sie bereiten, sie einladen und die wesentliche Form ganz ausfüllen.

L. Tenryu

April 2021

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